Der romanische Karner ist eines der bedeutendsten kunsthistorischen Relikte der Architektur der „Stauferzeit“ im heutigen Österreich. Hier trifft Spätromanik auf zarte Frühgotik.

Entstehungsgeschichte

Neudatierung und Interpretation
Das Bauwerk entstand in der Zeit um 1270, und ist somit um 100 Jahre jünger, als es die bisherige historische Tradition gedeutet hatte. Bezugspunkt war die Datierung auf das Jahr 1167, die eine - heute verlorene - Inschrift in der Vergangenheit belegt haben soll. Somit ist die Funktion des „Karners“ nicht primär als  „Totenkapelle“ und somit ein Karner im eigentlichen Sinn zu interpretieren. Der Hartberger Rundbau war eine Herrscherkapelle oder ein Memorialbau einer bedeutenden Persönlichkeit vom Hofe König Ottokars II. Premysl.

Die kunsthistorische Forschung datierte den Hartberger Rundbau hingegen schon um 1850 in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Zudem stufte man den Hartberger Rundbau als „gut erhalten und nicht beschädigt“ ein. Eine Funktion als Karner oder Taufkirche wurde bereits damals bezweifelt. 1856 bezeichnete der Wiener Kunsthistoriker Gustav Heider das Bauwerk als „Rundkapelle zu Hartberg“.

Als Doppelrundbau im Stil der Romanik errichtet. Unter der Dachtraufe der beiden Kegeldächer befindet sich ein umlaufendes Zahnschnitt- und Rundbogenfries. Das Rundbogenfries in der Mitte markiert die Trennung zwischen Obergeschoß und Untergeschoß.

Von anmutiger Schönheit ist die Vertikalgliederung des Hauptbaues durch neun Säulenbündel, von denen ursprünglich jedes mit fratzenartigen Köpfen bekrönt war. Heute sind es nur mehr die beiden vorderen Kapitelle, beidseitig des Portals. Nach gängiger Meinung sollen sie die bösen Geister abhalten.

Das romanische Portal hat wulstige Rundbögen und kleine Säulen mit Knospenkapitellen die in die spätromanische Zeit ab 1250 verweisen. Die kleine niedere Tür auf der linken Seite neben dem Eingang diente als Abwurföffnung für die Gebeinen aus dem damals um die Pfarrkirche liegenden Friedhof. Während des 11./12. Jahrhunderts ist man der Überzeugung, dass die Gebeine aufbewahrt werden sollen um sie vor bösen Geistern zu schützen und die Auferstehung zu sichern.
 

Ab 1893 wurden die Fresken durch den Wiener Restaurator Theophil Melicher aufgefrischt, konturiert und Fehlstellen ergänzt. Zu den Neuschaffungen Melichers zählen die Evangelisten und Engel in der Kuppel, der Höllenrachen am Stiegenaufgang zum Dach sowie die Mannasammler in der Apsis.

Fresken in der Apsis

Obwohl die Fresken in der Apsis gut erhalten waren, ergeben sich Deutungsschwierigkeiten durch die Fensterausbrüche, die um 1890 wieder romanisiert wurden. Die Hauptdarstellung ist der Stammbaum Jesus aus der Wurzel Jesse mit der Madonna und dem segnenden Jesusknaben. Die Tauben über dem Torbogen stehen als Sinnbild für die sieben Gaben des Hl. Geistes (Weisheit – Verstand – Rat – Stärke – Gottesfurcht – Frömmigkeit – Wissenschaft). Das Glasfenster stellt den Hl. Michael mit der Seelenwaage und dem von ihm besiegten Satan dar.

Fresken im Hauptraum

Im mittleren Bereich  wird Christus als Weltenherrscher mit den zwölf Aposteln dargestellt. Im unteren Bereich reiten Könige mit Zeptern und Erdscheiben auf Tieren.Die Interpretation, dass es sich hier um die sieben Todsünden  (vom Apsiseingang nach rechts: Hoffahrt - Zorn - Trägheit - Geiz - Neid - Unmäßigkeit - Unkeuschheit) handelt, steht der Theorie von Experten gegenüber, dass hier  die vier Weltreiche (das babylonische, griechisch-makedonische, ägyptische und das Römische Reich) dargestellt sind.

 

Schaurig-schön: der prachtvolle Freskenzyklus.

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